Jetzt auch bei uns

Ein junger Deutscher, mit dem Fahrrad auf dem Gehweg unterwegs, schreit im vorbei fahren „Scheiß Asylanten“.
Fußballer verlassen eine Kneipe, weil ihre Mannschaftskameraden nach dem Training hier nichts zu trinken bekommen. Die Mannschaftskameraden sind Flüchtlinge.
Eine aufgebrachte Frau, die sich empört: „der hat mich angesprochen“,
sie konnte kein Englisch und hat den Gruß nicht verstanden.
Vorwürfe wegen angeblicher Belästigungen in einem Fitnessstudio,
auf Nachfragen kann nicht einmal die betroffene Frau ausgemacht werden.
Und jetzt ein anonymer Aufruf, eine geplante Anschlussunterbringung zu verhindern, in einem Wohngebiet (500 Einwohner groß) sollen 24 anerkannte Flüchtlinge wohnen. Das macht Angst.

Mir macht es Angst!
Mir macht es Angst, was da bislang, gut gehütet, hinter bürgerlichen Fassaden schlummerte. Vieles von dem, was sich bis vor kurzem noch niemand getraut hätte öffentlich auszusprechen, ist auf einmal gesellschaftsfähig geworden und wird mit dem Etikett „besorgter Bürger“ lautstark und ohne Scham geäußert.

Das Wahlergebnis der AFD im März hat uns beunruhigt, die Auswirkungen dieser fremdenfeindlichen Einstellungen zu erleben, hat aber noch mal eine andere Qualität. Jetzt geht es um Menschen die man persönlich kennt – und zwar auf beiden Seiten.
Nicht alle in die rechte Ecke schieben,
Ängste der Bevölkerung ernst nehmen… das wird immer und immer wieder eingefordert. Wie denn, frage ich mich, wenn die Bereitschaft zum Gespräch meinem Gegenüber fehlt, wenn „ernst nehmen“ gleichgesetzt wird mit „Recht geben“.
Ich finde aber, wer Menschen vorverurteilt, vage Anschuldigungen in den Raum stellt, negative Erfahrungen anführt, ohne diese näher erklären zu können … hat nicht Recht.
Fakt ist: in Wernau sind bisher keine Straftaten von Flüchtlingen gegenüber Frauen oder gar Kindern angezeigt worden.

Von Europa wissen die meisten Flüchtlinge nicht viel, von Deutschland nicht viel mehr und von Wernau nichts – bis sie hier ankommen.
Wie schwierig die geforderte Anpassung an das Leben im deutschen Alltag ist, davon hatten die meisten keine Vorstellung. Hilfe ist gewünscht und notwendig.
Nichts schön reden, nichts verharmlosen, alles ansprechen.
Das heißt aber auch, bei den Tatsachen bleiben, keine Hetze zulassen,
kein „ ich habe gehört, dass jemand gesehen hat.“

Anonyme Flugblätter in Briefkästen gehören ganz sicher nicht dazu.
Ebenso wenig, dass ein paar Wenige ohne Legitimation im Namen der Bewohner eines ganzen Straßenzuges sprechen. Von den Bewohnern haben sich viele sofort von dem Flugblatt distanziert und klargestellt, dass der Inhalt eben nicht ihre Meinung wiedergibt. Gut so!

Wir alle müssen klar Stellung beziehen, deutlich machen, dass wir die Mehrheit sind und Stimmungsmache keinen Raum geben.